Mit Perspektivwechsel neue Lösungen finden

Perspektivwechsel helfen auch bei Digitalisierungsvorhaben, neue Ideen zu entwickeln und eingefahrene Denkmuster aufzubrechen. Ein Praxisblick auf Personas, systemische Fragen und die Kopfstandmethode.
„Müssen es denn eine Frau und ein Mann sein?“ ist eine Frage aus einem Teamworkshop, die mich später länger beschäftigt. Es geht um Personas. Wir wollen durch den Perspektivwechsel Antworten finden, die bis jetzt nicht offensichtlich waren.
Was sind Personas?
Persona ist ein Konzept, das ursprünglich aus der Psychologie kommt und „Maske“ bedeutet. Das Konzept findet inzwischen in vielen verschiedenen Disziplinen Anwendung: bei der Analyse der Zielgruppe im Marketing, davon abgeleitet beim Anforderungsmanagement von Computeranwendungen und im Bereich der Mensch-Computer-Interaktion (siehe Wikipedia). Dabei geht es darum, eine konkrete Person mit wichtigen Eigenschaften genau zu beschreiben und daraus abzuleiten, was die Zielgruppe, für die diese Persona steht, sich wünscht oder benötigt. Im Workshop haben wir es eingesetzt, um geeignete Kommunikationskanäle für eine Zielgruppe zu bestimmen.
Alle Ideen stammen von denselben Teammitgliedern, die die Fragestellung eingebracht haben. Die tolle menschliche Fähigkeit, die Perspektive eines anderen einzunehmen, führt dazu, dass tatsächlich neue Ideen kommen. Perspektivwechsel ist deswegen sehr kraftvoll. Es gibt neben der Nutzung von Personas weitere Tools zum Perspektivwechsel.
Perspektivwechsel durch systemische Fragen
Eine klassische Frage aus dem systemischen Coaching lautet: „Was würde eine gutmütige Oma sagen, wenn sie das jetzt zufällig mitgehört hätte?“ Hier haben wir ebenfalls eine Art Persona konstruiert und nutzen ihre Sicht, um Abstand zu gewinnen und festgefahrene Denkmuster aufzulösen.
Eine andere Möglichkeit ist ein Bericht aus der Zukunft. Wir springen gedanklich in eine Zukunft, in der das aktuelle Projekt oder Vorhaben sehr gut gelaufen ist und überlegen von dort:
Was war ausschlaggebend für den Erfolg?
Perspektivwechsel hilft, Erfolgsfaktoren konkret zu benennen und nächste Schritte abzuleiten.
Fragen bewusst umkehren: die Kopfstandmethode
Ein spannender Perspektivwechsel gelingt mit der „Kopfstandmethode“. Die zu klärende Frage wird auf den Kopf gestellt.
Aus:
„Was sollen wir machen, damit das Projekt klappt?“
wird:
„Was sollen wir machen, damit das Projekt garantiert schief läuft?“
Oder aus:
„Was braucht es, damit die Nutzer:innen gern die digitale Alternative nutzen?“
wird:
„Was braucht es, damit die Nutzer:innen den digitalen Prozess hassen und ihn nicht nutzen?“
Im nächsten Schritt folgt die Sammlung der Antworten. Da unser Fokus auf Negatives sehr geübt ist, fallen dazu meist erstaunlich schnell viele Antworten ein.
Anschließend werden die Antworten „auf den Kopf gestellt“.
Aus:
„Das Projekt unter allen Umständen geheim halten, damit Gerüchte Angst davor machen.“
wird:
„Offensive Kommunikation zu Zielen und dem Stand des Projekts.“
Aus:
„Die Hürden der Nutzung sehr hoch legen: den Einstiegspunkt verstecken, die Anmeldung möglichst umständlich machen und mehrfach wiederholen lassen.“
wird:
„Die Nutzung möglichst einfach machen: den Link zum Dienst an jeder Stelle platzieren, von wo aus die Nutzenden die Idee haben könnten, darauf zuzugreifen. Die Anmeldung möglichst niederschwellig machen (Single-Sign-On?).“
So entsteht aus einem vagen Gefühl, was vielleicht helfen könnte, eine Liste der Maßnahmen.
Die richtige Perspektive
Wichtig ist, die richtigen Fragen zu stellen bzw. die richtige Maske anzuziehen. Und damit sind wir wieder bei der Frage vom Anfang. Müssen es unbedingt ein Mann und eine Frau sein? In diesem Workshop sind wir bei einem Mann und einer Frau geblieben. Am nächsten Tag hatte ich die Gelegenheit, das Team zu fragen, ob Mann und Frau wichtig waren. Die Antworten fielen genauso ambivalent aus, wie meine Überlegungen: Es gab einige, die meinten, es ist unerheblich, ob es Mann oder Frau ist, andere Faktoren sind am Ende entscheidend. Es gab aber auch eine Stimme (und einige Kopfnicken dazu), die meinte, als Frau fühle sie sich in einigen Runden weniger auf Augenhöhe, als es ihre männlichen Kollegen zu gehen scheint, also ist das Geschlecht schon wichtig.
Was bedeutet das für den Einsatz von Personas?
Mit dem, was wir tun, und wie wir reden verfestigen wir gelebte ungeliebte Strukturen. Da es darum geht für aktuelle Fragestellungen aktuelle Realität abzubilden, sollte das abgebildet werden, was ist. Und Tatsache ist, dass die soziale Rollen von Frau und Mann familiäre Verantwortung, emotionale Arbeit aber auch die Wahrnehmung der Kompetenz unterschiedlich verteilen. Tatsache ist auch, dass gerade ein Wandel stattfindet und der Einsatz der Personas kann diesen aufnehmen und unterstützen.
Es bleibt, wie bei so vielem, ein Aushandlungsprozess. Macht es Sinn die Personas so abzubilden? Ist das Frau-Sein wichtig oder die familiäre Verantwortung? Die Antworten darauf können mit dem jeweiligen Team passend zur Situation und Fragestellung ausgehandelt werden.
Ich begleite Sie gern beim Perspektivwechsel und bei Aushandlungsprozessen wie immer – mit professionellem Fokus, klarem Blick und ganzem Herz.
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